Kirchgang à la Moa

 

Jetzt pressiert´s aber. Vorher hab ich noch schnell meine Hose ins Glumploch geworfen. Die gute Sonntagshose - ein bisserl Leid tut sie mir schon, aber mit dem langen Schnitt werde ich sie garantiert nicht meiner Alten geben. Die würde mir was erzählen! Am Ende sogar noch schimpfen? In zwei Wochen frag ich sie, wo meine Hose ist. Ich tu einfach so, als hätte sie´s beim Waschen verschlampt. Ganz schön ausgefuchst, oder? So ein Glumploch ist schon praktisch. Man gräbt ein Loch, wirft alles rein, was man nicht mehr braucht, und wenn es voll ist, schüttet man es zu und - gräbt ein neues Loch.

 

Pressieren tut´s mir jetzt trotzdem. Ich muss in die Kirche. Die anderen hab ich schon zu Fuß vorgeschickt. Ich fahre mit der Kutsche nach. Dem Jiri hab ich vorher das Anspannen angeschafft. Wie  ich um den Schuppen biege, stehen da weder Roß, noch Kutsche und auch kein Jiri. Dieser Esel! Mir schießt das Blut in den Kopf. „Jiri, du vadormer Pharisäer! Wo steckst’n?“ Keine Reaktion. Der Hof wirkt wie ausgestorben. Der Jiri ist ein Flüchtling, der bei uns auf Kost und Logis untergebracht ist. Nur mit der Arbeit hat er es halt überhaupt nicht. Dafür kann er furchtbar jammern. „Jiiiiiiriiiii – schau dass´d herkimmst, aber sooofort!“ Wieder keine Reaktion.

 

 

Ich hab jetzt keine Zeit, den Doagaffn zu suchen. „Selbst ist der Moa“, murmle ich, während ich das Roß einspanne. Von weitem hör ich schon die Glocken. Ich werd zu spät kommen. Wurscht. Mein Stammplatz auf der Empore, neben dem Geiern, ist mir sicher. Da sitzen wir Moa-Bauern schon länger, als die Kirche steht. Vor der Kirchentür angekommen hör ich schon die Orgel fleißig spielen. Saugut, dann kann ich mich unbemerkt reinschleichen. Leider nicht ganz… Die Kirchentüre knarzt beim Öffnen unbarmherzig laut. Anscheinend hat man sie die letzten 200 Jahre nicht mehr geölt. Natürlich drehen sich jetzt alle zu mir um. Haben die Kletzenköpf sonst nichts zu schauen? Mir reißt es ein lautes „Griaß Enk“ raus, dann setzte ich unbeirrt meinen Weg zur Empore fort.

 

Oben angekommen glaub ich, ich seh nicht richtig. Da sitzt so ein Manschkerl im karierten Sakko auf meinem Platz. Der Geier zuckt hilflos mit den Schultern. Ich bleib kurz daneben stehen. Keine Reaktion von Herrn Karo. Na gut, mir wurscht, ich setz mich trotzdem hin. Wegen einer Säule haben auf der Bank nur zwei Leute Platz... Der Fremdling schaut ungläubig, als ich anfange, meinen Allerwertesten einzuparken. „Rutsch!“, fahre ich ihn an.  Und schon sitzen wir zu dritt auf der Bank. Das Manschkerl in der Mitte ist schon ziemlich eingekeilt. „Wer is´n er?“, frag ich den Geiern und beug mich zu ihm rüber. Unser ungebetener Gast wird dabei noch mehr zusammengedrückt. „I woaß ned – der hod se einfach hergsitzt.“ Der Geier und ich schauen ihn fragend an.

„Ich könnte mich auch woanders hinsetzen. Ich wusste nicht, dass dieser Platz hier reserviert ist.“ O mei – a Preiß. Kaum gesagt, will er auch schon aufstehen. Der Geier und ich drücken ihn aber wieder auf die Bank. „Bleib da - wir sind ja keine Unmenschen“, sag ich. „Koa Problem – notfalls hätt da sogar no a Vierter Platz“, meint der Geier. Beide grinsen wir betont nett. Man spürt förmlich das Unbehagen des Preißn. Die Orgel hört auf zu spielen, da fängt er nochmal laut an: „Nein – nein. Ich gehe woanders hin.“ -- „Pscht!“, „A Ruah is da oben“, tönt es von unten. „Pscht!“, fauchen auch wir ihn an. Jetzt muss er wirklich bleiben. Der Arme.

Ich gehe gern in die Kirche. Dort erfährt man immer allerhand Neues. „Hast es scho g’hört? Da Unterhuaba hat de Seinige ausghaut!“, flüstert mir von hinten der Heiß ins Ohr. Der Heiß und ich sind schon lange Freunde. Sein Bub wird mein Dirndl heiraten – das haben wir schon vor Jahren ausgemacht. Dowa zu Dowa. So gehört sich das. Flüsternd lehne ich mich zurück: „Warum denn des? Der spinnt doch. So a fesche und tüchtige Frau haut ma doch ned aus“. „Angeblich kriagt’s a Kind von an Andern“, kommt es leise vom Heiß. Sauber – bei uns am Ort geht’s zu. So was würde es bei mir am Moa-Hof nicht geben. Meine Frau ist sittsam und gottesfürchtig. Ich auch. Wobei…  ich schau mir schon gern mal das eine oder andere Weibsbild an. Und die Weibsbilder mich. Das ist bei einem feschen Mannsbild halt so.

Der Mesner sollte die Türe mal ölen...
Der Mesner sollte die Türe mal ölen...

„Da Weber vokauft seine Milli-Kiah. Scheint’s, er is kurz vorm Vokracha.“ Der Geier lehnt sich wieder zu mir rüber. „Ich soll´s eahm vokaufa.“ Der Geier ist Viehhändler und deswegen für mich sehr wichtig. Der Weber müsste nicht schlecht dastehen: Er hatte mal viel Grund und bis jetzt gute Viecher. Wenn nur das Bier und der Schnaps nicht wären!!! Aber er wäre nicht der Erste, der hier im Sulzbachtal seinen Hof versäuft. Deswegen gehe ich nicht ins Wirtshaus. Na ja - und auch, weil meine Alte gesagt hat, dass ich nicht mehr darf… „Host wos Interessant’s für mi?“, möchte ich vom Geiern wissen. „Sei beste Mill-Kuah hob i no ned vakaft! De hob i extra dir aufg’spart“, meint er. „Könnten wir uns bitte mal auf den Gottesdienst konzentrieren,“ schnattert der Karierte dazwischen. Keinen Anstand haben die Leute mehr. „Konzentrier du dich nur, mia miaß ma da arbeiten. Bei uns gibt´s koan Sunda“, zische ich ihn an. Der soll froh sein, dass er bei uns sitzen darf.

Die Verhandlungen um die Weber-Milchkuh laufen zäh. Der Geier weiß, was er verlangen kann, und ich, was ich mir sparen könnte. Beim „Vater unser“ haben wir uns endlich auf einen Preis geeinigt. Von unten hört man die tiefe Stimme des Pfarrers: „ …ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit…“ „AUSGMACHT“, schlag ich lautstark beim Geiern ein. Das hätte die Sonntagsliturgie fast ins Wanken gebracht. Irgendwie weiß in der Kirche keiner mehr, was er beten soll.

js


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